Beiträge zur 200-jährigen Kreisgeschichte

Zum 200jährigen Bestehen des Kreises Coesfeld im Jahr 2016 hat das Kreisarchiv eine kleine Reihe mit Beiträgen zur Kreisgeschichte veröffentlicht.

Falls Sie Fotos oder nähere Informationen über geschichtliche Entwicklungen im Kreis Coesfeld haben möchten, wenden Sie sich an das Kreisarchiv Coesfeld, Frau König-Heuer, Friedrich-Ebert-Str. 7, 48653 Coesfeld, Tel.-Nr. (02541) 18-9140 oder senden Sie uns eine Nachricht per E-Mail an ursula.koenig-heuer(at)kreis-coesfeld.de.

Teil 1: Gründung durch Preußen

„Wenn es die Landkreise nicht gäbe, müsste man sie erfinden! Nur wenige Schöpfungen der Verwaltungskunst haben sich so glänzend bewährt“. Diese Worte stammen von keinem Geringeren als dem ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau.  „Erfunden“ wurden die Kreise von den Preußen. Im Rheinland und in Westfalen jährt sich die Einrichtung der Kreise im Jahr 2016 zum 200. Mal. Der Kreis Coesfeld blickt also in diesem Jahr auf 200 Jahre Kreisgeschichte zurück. Das kam so: Nach Napoleons Niederlage hatte der Wiener Kongress den Preußen 1815 das Rheinland und Westfalen zugesprochen. Die neuen Landesherren teilten das gesamte preußische Staatsgebiet in zehn Provinzen, darunter die Provinz Westfalen, und 25 Regierungsbezirke ein. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass jeder Regierungsbezirk in Kreise untergliedert werden sollte. Im Sommer 1816 war es dann soweit: Im „Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Münster“ vom Samstag, den 10. August, wurden zehn landrätliche Kreise für den „Münsterschen Regierungs-Bezirk“ bekannt gegeben. Als fünfter Kreis wurde Lüdinghausen genannt, als sechster Coesfeld. Einen preußischen Kreis Lüdinghausen hatte es bereits von 1804 bis 1806 gegeben, weil das Gebiet schon zu der Zeit zum preußischen Erbfürstentum Münster gehörte.

An der Spitze der Kreise standen vom König ernannte Landräte: Für den Kreis Lüdinghausen leitete der Landrat David von Schlebrügge die Geschicke, für den Kreis Coesfeld Dr. Clemens von Bönninghausen. Von Bönninghausen erlangte nach seiner landrätlichen Tätigkeit Bekanntheit als Homöopath, dem sich sogar die 1797 auf Burg Hülshoff bei Havixbeck geborene Dichterin Annette von Droste-Hülshoff als Patientin anvertraute. Anfangs „residierten“ die Landräte noch auf ihren Gütern, eine größere „Kreisverwaltung“ gab es noch nicht. Der Coesfelder Landrat von Bönninghausen lebte und arbeitete auf Haus Darup, sein Lüdinghauser Amtskollege von Schlebrügge auf Haus Beckendorf bei Werne. Später wurden Büros in den Kreisstädten Coesfeld und Lüdinghausen eingerichtet.

Die Aufgaben waren anfangs eher vage umrissen: Die Landräte sollten sich laut Instruktion um Landwirtschaft und Gewerbe im Kreis kümmern, die Infrastruktur verbessern und die Wirtschaft fördern. Auch die Verbesserung der gesundheitlichen Verhältnisse und der hygienischen Bedingungen musste vorangetrieben werden. So war man beispielsweise bemüht, überall den sichtbaren Mist aus den Dorf- und Stadtbildern zu beseitigen. Denn wie schon der französische Emigrant Abbé Baston, der von 1794 bis 1803 in Coesfeld gelebt hatte, bemerkte, lag derselbe vor jeder Haustür.

Die Kreise waren damals staatliche Verwaltungsbezirke, die Landräte staatliche Beamte. Es sollte noch lange dauern, bis die Kreise eine echte Selbstverwaltung erlangten. Die Kreisordnung für die Rheinprovinz und Westfalen vom 13. Juli 1827 war zwar das erste Kreisverfassungsrecht, gab den Kreisen aber keine echte kommunale Selbstverwaltung. Daran konnte auch die Einführung von ständischen Kreistagen nichts ändern, deren Befugnisse sehr begrenzt waren. Die Stände rekrutierten sich aus den ehemals reichsunmittelbaren Fürsten, den Besitzern von Rittergütern, den Vertretern der Städte sowie der Landgemeinden. Der Kreistag Lüdinghausen hatte ein prominentes Mitglied in seinen Reihen: den großen preußischen Staatsreformer Karl Freiherrn vom und zum Stein, der seinen Alterssitz auf Schloss Cappenberg im Kreis Lüdinghausen hatte.

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Teil 2: Berichte und Aufgaben der frühen Landräte

„Was nicht in den Akten ist, ist nicht auf der Welt“. In den neuen Kreisen wurde rasch die bestehende preußische Bürokratie eingeführt. So gaben Berichte und Statistiken an die Regierung Auskunft über die Arbeit der Landräte und das Geschehen in den Kreisen. Laut Erlass des Ministeriums des Innern vom 11. April 1856 wurden die königlich preußischen Landräte aufgefordert, die statistischen Nachrichten über „ihren“ Kreis nun für jeweils drei aufeinanderfolgende Jahre zu erstellen. Im Jahr 1865 waren die Nachrichten für die Jahre 1862-1864 fällig.    

Dabei war eine lange Themenliste mit 25 vorgegebenen Punkten abzuarbeiten. Die Landräte mussten unter anderem Stellung nehmen zu: Kreisterritorium, Klima, Bevölkerung, Industrie und Handwerk, Handel und Verkehr, Land- und Wasserstraßen, Gesundheitsverhältnisse, Polizeiwesen, Militärverhältnisse, Finanzen etc.. Ein Blick in die Schilderungen der hiesigen Landräte im Jahr 1865 zum Punkt „Verhältnisse der arbeitenden Klassen und Abwehr der Verarmung“ zeigt die wirtschaftliche und soziale Situation Mitte des 19. Jahrhunderts. Landrat Clemens Mersmann aus Coesfeld stellte im Berichtszeitraum eine leichte Verschlechterung der Verhältnisse der Tagelöhner und kleinen Gewerbetreibenden fest. Wegen der „amerikanischen Wirren“ [Amerikanischer Bürgerkrieg 1861-1865] habe sich die Lage in den Gemeinden, wo früher Nesselweberei als Haupt- oder Nebenerwerbszweig galt, verschlechtert. Der Weberlohn sei stark gesunken. „Der Weber ging, wenn nicht zur Leinwandweberei, zu Tagelohn-Arbeiten über und in dieser Beziehung traf es sich äußerst günstig, dass die Chausseebauten im Kreise manchem Arbeiter lohnende Beschäftigung boten. Seitdem diese beendigt, hat eine nicht unbedeutende Anzahl junger rüstiger Arbeiter den Kreis verlassen, um im Bergischen in den Kohlenbergwerken einen für ihre eigene resp. ihrer Familien Existenz die nöthigen Mittel zu erwerben….“    

Der Lüdinghauser Landrat Ignatz Freiherr von Landsberg-Velen stellte in seinem Bericht faktisch keine Veränderung fest, nahm aber eine leichte Verbesserung der Situation an. Auch er erwähnt zwar, dass in der Vergangenheit viele Arbeiter ins Bergische Land verzogen seien, aber in den letzten drei Jahren sei vor allem durch die Verbesserung der Landwirtschaft, die Anlegung von Ziegeleien und den bedeutenden „Chaussee-“ und Wegebau ein kleiner Aufschwung zu verzeichnen. „In den Gemeinden, welche von der Westfälischen Eisenbahn durchschnitten resp. berührt werden, finden noch viele Tagelöhner bei Instandhaltung der Bahnplanung…oder als Bahn- und Hülfsarbeiter gegen guten Verdienst dauernde Beschäftigung.“    

Die Erschließung der Kreise mit Verkehrswegen wie Straßen und Eisenbahn war eine der vordringlichen Aufgaben der frühen Landräte. Auch die Förderung der Landwirtschaft war in den ländlich geprägten Kreisen von großer Bedeutung. Feine Unterschiede sind auch bei den Unterschriften am Ende der Landratsberichte zu verzeichnen: Während der Coesfelder Clemens Mersmann schlicht mit „Der Landrath“ signiert, heißt es beim Lüdinghauser Bericht „Der Königliche Landrath“.      

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Teil 3: Obstbau, Stromversorgung und „Impfgeschäft“

Der Spätsommer 1912 war nass, die Haferernte katastrophal! So steht es zumindest übereinstimmend in den Verwaltungsberichten der Kreise Coesfeld und Lüdinghausen, damals vornehm „Berichte über den Stand und die Verwaltung der Kreiskommunalangelegenheiten“ genannt. Die Berichte waren durch die neue Kreisordnung für die Provinz Westfalen vom 31. Juli 1886 verpflichtend geworden. 70 Jahre nach der Einrichtung der Kreise brachte sie ihnen nicht nur mehr bürokratische Pflichten, sondern durch die Bildung von Kreisausschüssen maßgebliche Kompetenzen im Bereich der kommunalen Selbstverwaltung.

Die „Landeskultur“, die zu den Selbstverwaltungsaufgaben der Kreise zählte, hatte für die Kreise Coesfeld und Lüdinghausen als landwirtschaftlich geprägte Kreise eine große Bedeutung. Ziel war die Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge im Getreide-, Gemüse- und Obstanbau. Der Sommer 1912, zwei Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, war im Münsterland zum Glück nur teilweise verregnet: Die Kartoffel- und Gemüseernte war gut, die Obsternte fiel sogar sehr gut aus. Zur Förderung des Obstbaus teilten sich damals meistens mehrere Kreise einen Obstbaufachmann. Im Kreis Coesfeld war seit dem 01. Juli 1911 ein Kreisobstbauinspektor tätig, der auch für die Kreise Ahaus, Borken und Steinfurt zuständig war. Am 01. April 1912 löste Kreisobstbauinspektor Mey in Burgsteinfurt seinen Vorgänger Kempin ab. In den Kreisen Lüdinghausen, Warendorf und Münster war 1912 ein gemeinsamer Obstbautechniker tätig. Der Anstellungsvertrag, der zwischen den drei Kreisen einerseits und dem Obstbauverband für Westfalen und Lippe in Herford andererseits geschlossen worden war, wurde zum 01. April 1913 aufgelöst. Im Kreis Lüdinghausen wurde daraufhin der „Anstaltsgärtner“ der Landwirtschaftsschule in Lüdinghausen, Krings, mit der Aufgabe betraut. Er hatte Obstpflanzungen zu besichtigen, Kurse zu veranstalten, Vorträge zu halten und Behörden und Bürger zu beraten.   Eine weitere dringliche Aufgabe zu jener Zeit war die Versorgung der Kreise mit Elektrizität. Der Lüdinghauser Bericht vom 01. April 1912 bis 31. März 1913 erläutert dazu, dass die Stromversorgung zügig vorangeht: „Versorgt sind die Gemeinden Olfen, Bockum, Hövel, Selm  und ein Teil der Landgemeinde Werne. In Vorbereitung, sodaß die Fertigstellung bis Herbst erfolgen wird, befinden sich die Gemeinden Nordkirchen, Seppenrade und Lüdinghausen.“ Der Coesfelder Bericht für das Rechnungsjahr 1912 enthält keine Angaben zur Elektrifizierung.

Viel Raum nimmt in den Berichten das Gesundheitswesen ein, die gesundheitlichen Verhältnisse in den Kreisen sollten durch gezielte medizinische Maßnahmen stetig verbessert werden. Dazu zählte das „Impfgeschäft“, das in den Kreisen Coesfeld und Lüdinghausen durch den Kreisarzt und durch vom Kreisausschuss bestellte Privatärzte ausgeübt wurde. Der „Kreisarzt“ war durch das so genannte Kreisarztgesetz 1899 eingeführt worden. Er sollte sich auf Aufforderung der Behörden gutachtlich zu allen Fragen des Gesundheitswesens äußern und konnte auf Ersuchen  an den Sitzungen des Kreisausschusses und des Kreistags teilnehmen. Damit wurde das bereits mit Schaffung der Provinz Westfalen 1815 eingeführte königlich preußische Gesundheitswesen mit der Stelle eines „Kreisphysicus“ grundlegend reformiert.        

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Teil 4: Soziale Not im Ersten Weltkrieg und Inflation des Notgeldes

Der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrohe des 20. Jahrhunderts“, bedeutete für die Kreisverwaltungen einen gravierenden Einschnitt. Die Lebensmittelverteilung wurde zur zentralen Aufgabe. Besonders in den letzten Kriegsjahren verschärfte sich die Lebensmittelknappheit, Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln wurden knapp. Im Kreis Lüdinghausen litt  vor allem die schwer arbeitende Bergarbeiterbevölkerung aus dem südlichen Kreisgebiet darunter und wandte sich hilfesuchend an das Landratsamt.      

Nach vier blutigen Kriegsjahren endete der Krieg 1918 für Deutschland mit einer herben Niederlage. Das Kaiserreich zerbrach, nach der „Novemberrevolution“ wurde in Berlin die Weimarer Republik ausgerufen. Deutschland hatte laut Versailler Friedensvertrag hohe Reparationsleistungen  zu zahlen, die die deutsche Wirtschaft nicht erfüllen konnte. Viele Wirtschaftszweige, die nicht als „kriegswichtig“ galten, waren schon im Krieg in die Krise geraten. Mit Beginn der Reparationszahlungen beschleunigte sich der bereits vorher schleichende Verfall der deutschen Währung immer mehr. Während der Inflation druckten viele Verwaltungen „Notgeld“, so auch die Kreise Coesfeld und Lüdinghausen. Der Kreis Coesfeld gab drei Ausgaben in den Jahren 1918, 1919 und 1920 heraus im Wert von 25 und 50 Pfennig.

Unterschrieben waren die dekorativen Scheine auf der Rückseite u.a. vom amtierenden Landrat. Während die Ausgabe 1918 von Landrat Freiherr von Fürstenberg signiert ist, ist die Ausgabe 1919 mit der Unterschrift des neuen Landrats Walter vom Hove versehen. Bemerkenswert ist das Fehlen der Unterschrift bei je 250 Wertscheinen der dritten Ausgabe im Jahr 1920. Der Kreis Lüdinghausen gab im November 1923 Notgeldscheine in Höhe von 1 Billion, 2 Billionen, 5 Billionen und 10 Billionen heraus. Der 10-Billionen-Schein war zunächst nicht offiziell vorgesehen, gelangte dann aber doch mit einigen Exemplaren in den Umlauf.  Auch auf den Lüdinghauser Scheinen erscheint neben anderen Namen an erster Stelle der des Landrates, Graf von Westpalen, der von 1905-1927 das Landratsamt leitete.       Die soziale Not während des Ersten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit zog eine Ausweitung der Kreisaufgaben nach sich, vor allem auf dem Gebiet der Sozialfürsorge und Jugendpflege. Der Kreis Coesfeld richtete im Jahr 1927 ein Kindererholungsheim in Visbeck bei Dülmen ein, das tuberkulosegefährdeten  Kindern einen Ort zur Stärkung der Gesundheit bieten sollte. Das Walderholungsheim war für damalige Verhältnisse gut ausgestattet; so verfügte es zum Beispiel über elektrischen Strom, der eigens zu dem Zweck in dem ländlichen Gebiet angeschlossen wurde. Jährlich hielten sich sieben Gruppen mit 40 Kindern zu einer 6-wöchigigen Kur in dem Heim auf. Im Oktober 1939 brannte das Heim ab, es wurde nicht wieder aufgebaut.   Territoriale Veränderungen drohten den beiden Kreisen im Vorfeld des am 29. Juli 1929 erlassenen Gesetzes über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes. Das Ergebnis war unterschiedlich: Während die Grenzen des Kreises Lüdinghausen unversehrt blieben, musste der Kreis Coesfeld Haltern an den Kreis Recklinghausen abtreten.        

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Teil 5: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die Nationalsozialisten feierten den „Tag der Machtübernahme“ mit Fackelzügen durch das Brandenburger Tor. Schnell gingen die neuen diktatorischen Machthaber daran, die bestehende Kreisverfassung durch neue Gesetze Schritt für Schritt auszuhebeln: Im Juli 1933 bekamen die Kreisausschüsse die Zuständigkeiten der Kreistage, so dass diese faktisch keine Macht mehr besaßen. Im Dezember wurden den Kreisausschüssen wichtige Entscheidungsbefugnisse entzogen. Sie existierten zwar noch, hatten aber in vielen Belangen nur noch beratende Funktion. 1939 bekamen die Landräte dann die restlichen Beschlusszuständigkeiten übertragen. Schon Jahre vorher hatten sie die Staatsaufsicht über alle Städte und Gemeinden erhalten.

In den Augen der Nazis war die Beauftragung des Juristen Dr. Alfred von Gescher mit der vertretungsweisen Verwaltung des Landratsamtes Lüdinghausen im März 1933 nicht hinnehmbar. Hermann von Lassaulx, nebenamtlicher Archivar beim Kreis, schildert die Reaktion im Westfälischen Heimatkalender Lüdinghausen 1965 so: „Der neue Landrat wunderte sich nicht wenig, daß er durch eine Hintertür vom Hof her in sein neues Amtsgebäude geführt wurde. Vor dem Landratsamt auf der Steverstraße war nämlich eine wilde Horde aufmarschiert, um dem neuen Landrat einen abschreckenden Empfang zu bereiten. Ein großes Transparent mit der Aufschrift ‚1000 Nationalsozialisten lehnen von Gescher ab‘ klärte über den Zweck des vom Kreisleiter inszenierten Protestaufmarsches auf.“ Zwar wurde ihm noch die kommissarische Verwaltung des Landratsamtes übertragen, die ihm aber Anfang November bereits wieder entzogen wurde. Er war entlassen. Ihm folgte bis 1945 der überzeugte Nationalsozialist Herbert Barthel. Der Nachruf des Kreises Coesfeld würdigte von Gescher im April 1979 als überzeugten Gegner des Nationalsozialismus. Nationalsozialistische Landräte im Kreis Coesfeld waren Rudolf Klein (1932-1936) und Dr. Jakob Stachels (1936-1945)

Mit dem Überfall auf Polen entfesselte Hitler am 01. September 1939 den Zweiten Weltkrieg. Nach und nach wurden für die Bevölkerung bestimmte Lebensmittel rationiert, später auch Kleidung. Bei Kriegsende lagen im Kreis Coesfeld die Städte Coesfeld und Dülmen in Schutt und Asche. In den letzten Kriegstagen im März 1945 fiel das Coesfelder Kreishaus am Schützenwall dem Bombenhagel zum Opfer. Abgesehen von den beiden Seitenflügeln, die aus den Trümmern ragten, war das Gebäude wie viele andere in der Innenstadt weitgehend zerstört. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, wurden zunächst in der Gastwirtschaft Berning (Haus Klinke) provisorische Büros eingerichtet. Anfang April bekam die Kreisverwaltung ihr Domizil im unbeschädigten früheren Wehrbezirkskommando an der Osterwicker Straße.

Im Zweiten Weltkrieg wurden in Europa zirka 20 Milliarden Flugblätter abgeworfen. Die von den Alliierten über dem Deutschen Reich verteilten Flugblätter sollten die deutsche Bevölkerung über die verbrecherischen Machenschaften Hitlers und das Kriegsgeschehen informieren. Im Kreis Lüdinghausen hielten die Behörden die Bevölkerung seit 1941 dazu an, diese „Feindpropaganda durch Flugblattabwurf“ aus Flugzeugen und Ballonen bei den Bürgermeistern bzw. Amtsbürgermeistern zu melden. Wurden einzelne Flugblätter zufällig gefunden, leiteten die Behörden gezielte Suchaktionen ein, unter anderem mit Schülern.

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Teil 6: Nachkriegszeit

In den ersten Nachkriegsjahren standen fundamentale Dinge wie Wohnungs- und Ernährungssicherung sowie die Sorge für die die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen im Vordergrund. Von Mai bis Ende September 1946 betrieb der Kreis Coesfeld in Lette ein Durchgangslager für die im Kreis eintreffenden Ostvertriebenen.  

Ursprünglich 1933 als „SA-Sportschule“ errichtet, hatte der Reichsarbeitsdienst (RAD) 1935 das Barackenlager übernommen und zur „RAD-Truppführerschule“ ausgebaut. Ab Oktober 1946 richtete der Kreis Coesfeld das Lager als Altenheim für Ostvertriebene ein und betrieb es bis Ende August 1960. 1950 erhielt es den Namen „Heidehof“. Im Kreis Lüdinghausen war Anfang April 1946 ein Durchgangslager in Werne für zirka 200 Vertriebene in Betrieb, ein weiteres in Lüdinghausen war in Planung. „Die Flüchtlinge kommen in Ahlen mit der Reichsbahn an. Sie werden dort einmal verpflegt und entlaust und werden dann in die Kreisdurchgangslager durch Lastwagen aus dem Kreis überführt“, stellt der Verwaltungsbericht des Kreises Lüdinghausen 1945/46 fest. In den Lagern fand zunächst eine ärztliche Untersuchung der ankommenden Vertriebenen statt. Nach drei Tagen wurden die Menschen, die eine strapaziöse Flucht unter oft menschenunwürdigen Bedingungen hinter sich hatten, auf die Gemeinden des Kreises aufgeteilt.  

Von 1945 an lag die Entwicklung des kommunalen Selbstverwaltungsrechts in den Händen der britischen Militärregierung. Mit der revidierten deutschen Gemeindeordnung vom 01. April 1946 trat eine neue Regelung in Kraft. Für die Kreise bedeutete dies eine personelle Zweiteilung des Amtes des früheren Landrates. Anstelle des Landrates übernahm der neugeschaffene Oberkreisdirektor als kommunaler Beamter die Leitung der Verwaltung. Neben ihn trat der ehrenamtlich tätige Landrat, der der Vorsitzende des Kreistags war und aus dessen  Mitte gewählt wurde. Bis zu den ersten gewählten Kreisvertretungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden, sozusagen als Vorstufe zur „Parlamentarisierung“, von der britischen Militärregierung  Verwaltungsbeiräte eingesetzt.  Am 13. Oktober 1946 wurden dann die ersten Kreistage gewählt. Erste Oberkreisdirektoren, also Leiter der Kreisverwaltungen waren Rudolf Weskamp für den Kreis Lüdinghausen sowie Bernhard Wening für den Kreis Coesfeld.  

Drei Jahre nach Kriegsende bekamen die Kreise im Rahmen der Kommunalisierung weitere Aufgaben übertragen. Mit dem Gesetz über die Eingliederung staatlicher Sonderbehörden vom 30. April 1948 wurden Gesundheitsamt, eine Abteilung des Ernährungsamtes, Veterinäramt, Katasteramt und Kreiskasse zu Bestandteilen der (kommunalen) Kreisverwaltung.  

In Coesfeld beschloss der Kreistag am 10. Mai 1949 den Wiederaufbau des zerstörten Kreishauses. Mitte Februar 1951 konnte die Belegschaft in das frisch renovierte Haus an der Promenade einziehen. Beide Oberkreisdirektoren der ersten Stunde erwarben sich in den schweren Nachkriegsjahren durch umsichtige und tatkräftige Arbeit hohes Ansehen. Bernhard Wening blieb bis 1951 in Coesfeld Chef der Kreisverwaltung, Rudolf Weskamp bis 1959 in Lüdinghausen. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Der Landkreis Lüdinghausen wachse, blühe und gedeihe!“ Die Schatten der Kreisneugliederung waren zu dem Zeitpunkt noch nicht in Sicht.  

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Teil 7: 1950er und 1960er-Jahre

Nachdem die drängendsten Probleme der ersten Nachkriegsjahre gelöst waren, betrieben die Kreise eine aktive Strukturpolitik zur Stärkung des ländlichen Raumes: Wirtschaftsförderung, Straßenbau und der Ausbau des Berufsschulwesens hatten einen hohen Stellenwert. Seit 1936 waren die Berufsschulen in den Kreisen Coesfeld und Lüdinghausen in der Trägerschaft der Kreise; die in verschiedenen Orten befindlichen „Fortbildungsschulen“ waren zu einer Kreisberufsschule zusammengefasst worden.

Eigene Gebäude bekamen die Berufsschulen indes erst im Jahrzehnt des „Wirtschaftswunders“: In Coesfeld wurde im Mai 1957 die Berufsschule an der Bahnhofstraße eingeweiht, 1959 folgte die Berufsschule in Dülmen. Im Kreis Lüdinghausen entstand 1956 das erste kreiseigene Berufsschulgebäude in Bockum-Hövel, 1961 das Berufsschulgebäude an der Tüllinghofer Straße in Lüdinghausen. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Berufsschulangebot immer differenzierter, die Bildungsabschlüsse qualifizierter.

Auch die Förderung der Kultur im ländlichen Raum schrieben sich beide Kreise auf die Fahnen: Im Kreis Coesfeld wurde 1959 die Kreisbücherei eingerichtet, räumlich und personell vereint mit der Stadtbücherei Coesfeld. Im selben Jahr kam auf Initiative des Oberkreisdirektors Heinrich Kochs der erste Band der Schriftenreihe „Beiträge zur Landes- und Volkskunde des Kreises Coesfeld“ heraus, die sich in den Folgejahren fest etablierte.Ein besonderes Anliegen waren dem Verwaltungschef auch die Denkmalpflege und die Bewahrung des regionalen kulturellen Erbes. Mit  Beharrlichkeit und Weitblick setzte er die Restaurierung der Kolvenburg in Billerbeck durch, die in den 1950er-Jahren zu verfallen drohte. In den Jahren zwischen 1958 und 1975 fanden weitreichende Renovierungsarbeiten statt. Bevor die Kolvenburg schließlich 1976 als Kulturzentrum des Kreises Coesfeld eröffnet wurde, waren viele Vorschläge für eine angemessene Verwendung derselben in Umlauf. Zur Debatte standen beispielsweise die Einrichtung einer Jugendherberge, einer Gaststätte, einer Forschungsstelle oder auch die Eröffnung eines Heimatmuseums.

Im Kreis Lüdinghausen nahm am 01. September 1965 die Kreismusikschule ihre Arbeit auf. Zum selben Stichtag richtete der Kreis Lüdinghausen das Amt für Kulturpflege ein. Leiter des Amtes wurde der gebürtige Niederrheiner Dr. Heinrich A. Mertens, der auf Bitten von Oberkreisdirektor Dr. Egbert Möcklinghoff seine Ideen für eine „Anfangsarbeit eines kulturellen Kreisbüros“ formuliert hatte. Neben vielfältigen kulturellen Veranstaltungen wie Kunst- und Bücherausstellungen, Konzerten und Theateraufführungen sollte langfristig ein Kreismuseum vorbereitet werden. Bereits im darauffolgenden Jahr berichtete das ZDF am 13. Juni 1966 von der Burg Vischering im Rahmen der Sendung „Die Drehscheibe“ live über das Münsterland. Die idyllische Wasserburg in Lüdinghausen wurde dann auch ab 1972 Sitz des geplanten „Kreismuseums“, das Dr. Mertens als Kulturbeauftragter des Kreises Lüdinghausen aufbaute. Es entstand ein Münsterlandmuseum, das weit über die Grenzen des Kreises Beachtung fand.

Der heutige Kreis Coesfeld hält das kulturelle Erbe der alten Kreise Coesfeld und Lüdinghausen in Ehren: Beide Burgen werden im Jubiläumsjahr 2016 immer noch als Kreis-Kulturzentren genutzt.

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Teil 8: 1975 bis heute

Oberkreisdirektor Mathias Goß sprach ein Machtwort: „Jetzt muß Schluß sein mit nutzloser Kritik an gesetzgeberischen Entscheidungen. Schluß mit dem Wort vom Armenhaus des Münsterlandes.“  Im Januar 1975 wurde der damalige Verwaltungschef des Kreises Coesfeld so in der Presse zitiert. Damals war aus einem Großteil des Kreises Coesfeld sowie aus Teilen der aufgelösten Kreise Lüdinghausen und Münster der neue Kreis Coesfeld gebildet worden. Fachleute zweifelten daran, dass dieser kleine, ländlich geprägte Kreis mit seiner gravierenden Krise in der Textilindustrie dauerhaft überlebensfähig sein könnte. Landflucht und Verarmung wurden befürchtet.  

Doch es kam ganz anders: Von 1975 bis 2009 erlebte der Kreis ein überdurchschnittliches Bevölkerungswachstum mit einer Zunahme um 35 Prozent – von 162.000 auf 221.000 Menschen. Das ging einher mit einem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung. Sehr positive „harte“ und „weiche“ Standortfaktoren schufen ein Klima, das Kreativität, Dynamik und damit Innovationen fördert: War der Kreis Coesfeld einst im Wesentlichen für Bauernhöfe und Textilfabriken bekannt, so verfügt er nunmehr über eine mittelständisch geprägte und weitaus vielseitigere Branchenstruktur. Landwirtschaft und Handwerk konnten dabei bis heute ihren hohen Stellenwert wahren. Die Landwirtschaft prägt und erhält mit ihren Betrieben die Kulturlandschaft durch Integration von landwirtschaftlicher Produktion und Naturschutz. Mit innovativen Produkten und Ideen ist es den mittelständisch geprägten Gewerbe- und Handwerksbetrieben in den letzten Jahren gelungen, neue nationale und internationale Märkte zu erschließen.

Heute stehen für Wirtschaft „Made in COE“ beispielsweise Agrarmarktforschung, Ernährungswirtschaft, medizinische Produkte, Sondersignalanlagen für Spezialfahrzeuge, Zulieferungen für die Luft- und Raumfahrtindustrie, Spezialmaschinen für die Textilindustrie, aber auch Design der Extraklasse. Die Entwicklung des Strukturwandels ist noch lange nicht abgeschlossen, das Zwischenergebnis kann sich jedoch sehen lassen: Im Laufe der vergangenen 20 Jahre ist die Zahl der Arbeitsplätze um über 40 Prozent gestiegen. Alle Akteure der regionalen Arbeitsmarktpolitik wurden vom Kreis Coesfeld „an einen Tisch geholt“. Mit einer Arbeitslosenquote von 2,9 Prozent konnte Ende 2011 erstmals seit Beginn der Aufzeichnung der Arbeitsmarktdaten die Schallmauer von drei Prozent nach unten hin durchbrochen werden, im August 2016 waren es 3,2 Prozent – seit einigen Jahren weist der Kreis hier den günstigsten Wert in ganz Nordrhein-Westfalen auf. „Dies verdanken wir vor allem den fleißigen, engagierten und kreativen Menschen im Kreis Coesfeld“, stellt Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr heraus. Nicht nur als Wirtschaftsstandort, sondern auch ökologisch, kulturell und touristisch habe der Kreis heute viel zu bieten. Im selben Artikel, in dem auch Goß zu Wort kommt, wird der Landtagsabgeordnete Helmut Elfring zitiert: „Auf seinem Weg in die Zukunft ist der neue Kreis Coesfeld in besonderer Weise auf die Förderung durch das Land  Nordrhein-Westfalen angewiesen.“ Seine Aussage passt zu einer aktuellen Entwicklung: Die Kreise Borken und Coesfeld nehmen zusammen mit verschiedenen Lippe-Anrainerstädten an der Regionale 2016 teil, einem Infrastrukturprogramm des Landes. Zahlreiche Projekte im „ZukunftsLAND“, wie sich die Region selbstbewusst nennt, werden gefördert: unter anderem in den Bereichen Kultur, Städtebau und Soziales.   Foto: Nachdenkliche Gesichter beim Neujahrsempfang 1975 (v.l.n.r): Kreis-Pressesprecher Josef Limbach, MdL Helmut Elfring, stellv. kommissarischer Landrat  Kurt Frömbsdorff, kommissarischer Oberkreisdirektor Mathias Goß, kommissarischer Landrat Heinrich Knipper (Quelle: Archiv Kreis Coesfeld)

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